“Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem”

“Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem”

Am Dienstag, 5.2., hält der in Bühl aufgewachsene Sebastian Friedrich im Caracol in Bühl einen Vortrag zum Thema Rassismus. Das Caracol sprach im Vorhinein mit ihm über aktuellen Rassismus und seinen Bezug zu Bühl. Das Interview führte Lukas Matz.

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Frage: Sie befassen sich sowohl in Initiativen als auch als Wissenschaftler mit Rassismus. Wie schätzen sie den derzeitigen Stand der Auseinandersetzung mit Rassismus in Deutschland ein?

Sebastian Friedrich: In der Tat wird momentan in der breiten Öffentlichkeit mehr über Rassismus diskutiert als noch vor einigen Jahren. Das zeigt sich auch daran, dass der Begriff Rassismus nicht mehr nur in antirassistischen Gruppen oder Fachkreisen verwendet wird. Initiativen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der kritischen Rassismus- und Migrationsforschung setzen sich in Deutschland seit etwa zwanzig Jahren intensiv dafür ein, nicht mehr von Ausländerfeindlichkeit oder Fremdenangst zu sprechen, sondern das Problem Rassismus beim Namen zu nennen. Dass dies nun geschieht, ist positiv zu bewerten.

Frage: Warum sprechen Sie nicht von Ausländerfeindlichkeit oder Fremdenangst?

Sebastian Friedrich: Die Begriffe fassen das Phänomen nicht hinreichend. Ausländer sind nicht automatisch Ziel rassistischer Gewalt oder von Diskriminierung. Die Frage ist, wer als fremd wahrgenommen wird oder abstrakter gesagt, wer zum Fremden gemacht wird. So werden etwa Einwanderinnen und Einwanderer aus Schweden eher nicht als Ausländer, Fremde oder Migranten bezeichnet oder als solche gekennzeichnet. Ich wage zu behaupten, dass in Deutschland im Jahr 2012 eher ein in Deutschland geborener deutscher Staatsbürger, dessen Großeltern in der Türkei aufgewachsen sind, als Ausländer, Fremder und Migrant wahrgenommen wird, als ein Schwede, der seit zwei Jahren in Deutschland lebt. Außerdem besteht bei der Verwendung des Begriffs der Angst die Gefahr, Rassismus alleinig als ein psychologisches Problem zu betrachten, frei nach dem Motto, Angst gegen Fremde sei natürlich.

Frage: Aber haben nicht alle Menschen Vorurteile?

Sebastian Friedrich: Das kann sein, aber dass Menschen rassistisch diskriminiert werden, ist nicht alleinig auf Vorurteile einzelner Menschen zurückzuführen. Rassismus ist ganz grob gesagt das Zusammenspiel von Vorurteilen und der Möglichkeit der Ausübung von Macht. Ein Vorurteil einer einzelnen Person kann zwar auch Schaden anrichten und etwa zu Gewalt führen. Aber wenn Menschen aufgrund dieser Vorurteile Zugänge zur gesellschaftlichen Teilhabe verwehrt werden, wird aus einem Vorurteil eine Diskriminierung.

Frage: In welcher Form tritt Rassismus in Erscheinung? Momentan wird viel über die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und zugleich über rassistische Begriffe in Kinderbüchern diskutiert.

Sebastian Friedrich: Das sind zwei Facetten des Rassismus. Aber Rassismus geht darüber hinaus. Wie im Falle des NSU kann Rassismus mörderisch und militant zum Ausdruck kommen. Im Falle der Verwendung rassistischer Wörter können alte rassistische Vorstellung transportiert werden. Wir finden aber Rassismus auch an anderen Orten: Wenn etwa Wohnungen nicht an Menschen mit einem irgendwie anders klingenden Namen oder Aussehen vermietet werden, sie schwerer einen Arbeitsplatz bekommen oder in der Schule diskriminiert werden. Zwar gibt es massive Unterschiede zwischen einer Mordserie und etwa der Verwendung rassistischer Wörter, dennoch ist beides eine Form des gegenwärtigen Rassismus, der in verschiedenen Formen in Erscheinung tritt.

Frage: Sie sind ja in Bühl zur Schule gegangen. Haben Sie sich auch damals schon mit dem Thema befasst?

Sebastian Friedrich: Nachdem ich in Balzhofen und Lauf aufgewachsen sowie in Bühl zur Schule gegangen bin und anschließend noch eine Weile in Karlsruhe gelebt habe, bin ich nach Berlin gegangen um dort zu studieren. Dort habe ich mich dann in Initiativen und im Studium mit Rassismus befasst. Mir wurde vor allem durch die Arbeit bei einer Opferberatungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt klar, dass Rassismus nicht nur ein Problem ist, dass unter Neonazis auftritt. Vielmehr ist Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem und auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft sehr verbreitet. Auch ich als mehrheitsdeutscher antirassistischer Aktivist und Wissenschaftler habe rassistische Bilder im Kopf und profitiere, ob ich will oder nicht, von Rassismus in der Gesellschaft, etwa wenn ich bei der Wohnungssuche oder auf dem Arbeitsmarkt aufgrund meines deutsch klingenden Namens bevorzugt werde.

Frage: Was bedeutet es für Sie in Bühl einen Vortrag zu halten?

Sebastian Friedrich: Das bedeutet mir sehr viel. Ich habe die letzten Jahre relativ viele Vorträge auf wissenschaftlichen Konferenzen und in sozialen Zentren gehalten, aber bisher noch nicht in der Stadt, in der ich zur Schule und zum Schülerhort gegangen bin. Ich habe auch nicht nur positive Erinnerungen an meine Zeit hier, beispielsweise an die Schulzeit am Windeck Gymnasium Bühl, das ich während der elften Klasse verlassen habe. Später habe ich dann die Fachhochschulreife an der Elly Heuss Knapp Schule nachgeholt. Im Grunde fing ich erst mit 18 oder 19 Jahren an mich für theoretische und analytische Auseinandersetzungen zu interessieren. Insofern schließt sich hier für mich auch ein Kreis. Ich freue mich deshalb riesig, dass ich für einen Vortrag hier angefragt wurde.

Frage: Wie geht es für Sie in Zukunft weiter?

Sebastian Friedrich: Direkt nach dem Vortrag in Bühl habe ich noch drei weitere Veranstaltungen auf meiner Vortragsreise. Zunächst geht es am Mittwoch nach Freiburg, am Freitag in die Schweiz nach Winterthur und am Samstag nach Kempten. Anschließend fahre ich zurück nach Berlin, um mich meinen aktuellen Buchprojekten zu widmen und mit meiner Doktorarbeit zu beginnen.

Informationen zu dem Vortrag am Dienstag, 5.2., findet ihr hier >>

Informationen zu Sebastian Friedrich: Sebastian Friedrich lebt in Berlin, ist Diplom Sozialpädagoge, Buchautor und Publizist, Redakteur des Online-Magazins kritisch-lesen.de, aktiv in antirassistischen Initiativen und promoviert derzeit an der Universität Duisburg-Essen. Im August 2011 erschien der von ihm herausgegebene Sammelband “Rassismus in der Leistungsgesellschaft” bei edition assemblage. Im Sommer erscheinen zwei Bücher: Der mit Patrick Schreiner herausgegebene Sammelband “Nation-Ausgrenzung-Krise” (edition assemblage) und die Monographie “Auf der Suche nach Neukölln − Zur Konstruktion eines ‘Problembezirks’” (Unrast).

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