Von “Investitionen in die Zukunft” und “Mehr Demokratie wagen”

Von “Investitionen in die Zukunft” und “Mehr Demokratie wagen”

Kandidaten zur Landtagswahl diskutierten mit Schülern der Klosterschule vom Heiligen Grab in Baden-Baden

Share and Enjoy:
  • Print this article!
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • LinkArena
  • MisterWong
  • MySpace
  • Twitter
  • Webnews.de
  • Yigg

Die Veranstalter hatten die potenziellen Koalitionäre passenderweise schon einmal nebeneinander gesetzt. Links, vom Publikum ausgesehen, das aus mehreren Hundert Schülerinnen und Schülern der Baden-Badener Klosterschule vom Heiligen Grab in deren Aula bestand, Rot-Grün, und rechts Schwarz-Gelb. Auf der linken Seite gab es zwischen der Kandidatin der Grünen Beate Böhlen und dem Sozialdemokraten Armin Zeitvogel immer mal wieder eine kleine Diskussion darüber, ob es am Ende des Wahlabends am 27. März denn nun Rot-Grün oder Grün-Rot heißen wird, je nachdem wer hier dann die Nase vorne hat. Eine solche Diskussion gab es auf der “Rechten” nicht: der Liberale Michael Bauer war Realist genug, dass es es diesseits nur Schwarz-Grün geben könne. CDU-Kandidat Tobias Wald widersprach nicht.

”Wir sind auf einem guten Weg”

Damit erst gar keine Langeweile aufkommen konnte, stieg das aus den Gemeinschaftskundelehrern Manuela Reith und Mathias Neef bestehende Moderatorenduo gleich zu Beginn mit der Frage ein: Wie hältst Du’s mit Stuttgart 21? Ein klares Pro-Statement zu dem neuen unterirdischen Stuttgarter Hauptbahnhof kam erwartungsgemäß von Tobias Wald. Seit 15 Jahren sei S21 in Baden-Württemberg ein Thema, habe man darüber diskutiert, Einwände abgearbeitet, hätten Bundestag und Landtag jeweils mit einer Dreiviertel-Mehrheit für das Projekt votiert. Erst nachdem die Baugenehmigung erteilt worden war, seien die Proteste richtig losgegangen. Das sei nicht akzeptabel. Nach der durchgeführten Schlichtung – “Heiner Geißler hat seine Sache trotz seines hohen Alters ganz gut gemacht” – sei man “auf einem guten Weg”. “Was wir allerdings ändern müssen: dass es 15 Jahre lange Verfahren gibt”. Damit Personenbeförderung aus der Luft auf die Schiene verlagert werden könne, brauche man schnelle Bahnlinien. Deswegen, so Michael Bauer, sei S21 “eine Investition in die Zukunft”. Allerdings brauche man bei solchen Projekten grundsätzlich mehr Bürgerbeteiligung. S21 habe die Menschen gespalten meint Armin Zeitvogel, auch innerhalb der SPD. Grundsätzlich befürworte seine Partei das Projekt, sollte man nach der Wahl in der Regierung sein, werde man einen Volksentscheid durchführen und dessen Ergebnis akzeptieren. Mit den Willy-Brandt-Worten “Mehr Demokratie wagen” argumentierte Grünen-Kandidatin Bea Böhlen für grundsätzlich mehr Bürgerbeteiligung bei wesentlichen politischen Entscheidungen. Wer dagegen – wie bei der Demonstration am 30. August im Schlosspark in Stuttgart – Wasserwerfer gegen Schüler einsetze, offenbare dagegen ein mangelndes Demokratieverständnis. Sie begrüße den Stresstest, der als Ergebnis am Ende des Schlichtungsverfahrens stand, denn sie sei sicher, dass die Bahn diesen nicht bestehen werde.

diskussion2-550

“Ist das G8 gescheitert?”

Kaum ein Thema betrifft Schüler und angehende Studenten mehr als die Bildung. Kurz und knapp die Frage dazu von Mathias Neef: “Ist das G8 gescheitert?” Ja, die ebenso knappe wie klare Antwort von Armin Zeitvogel, der sich Bea Böhlen wie auch Michael Bauer anschlossen. Kritisiert wurde die mangelhafte Umsetzung sowie der Verlust von Freiräumen und Freizeit für die Jugendlichen. In jedem Fall müssten Schüler die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 haben. “Auf einem guten Weg” sieht dagegen Tobias Wald wie auch schon eine Woche zuvor bei der Podiumsdiskussion des Jugendforums Baden-Baden die verkürzte Gymnasialzeit. Auch wenn “noch nicht alles rund läuft”, das aber sei immer so bei großen Reformen. Und wer G9 wolle, dem sei dies via Realschulabschluss und anschließendem Besuch eines Wirtschafts- oder Sozialpädagogischen Gymnasiums weiterhin möglich. Die Antwort auf die Frage, ob die Universitäten im Land auf den Doppelabiturgang 2012 gerüstet seien, fiel deutlich unterschiedlich aus. “Wenn man Realist ist” – und das ist er, s.o. –, muss man dies verneinen, meinte Bauer. Böhlen und Zeitvogel teilten seinen Realismus im Wesentlichen. Optimistisch insoweit wieder Tobias Wald: das Land habe 16.000 neue Studienplätze geschaffen und er glaube, dass sich viele für ein Freiwilliges Soziales Jahr entscheiden werden. Und wer im nächsten Jahr trotzdem keinen Studienplatz bekommt, “soll sich bei mir melden”. “Und was macht er dann”, fragte sich in der Aula nicht nur Bea Böhlen. Studiengebühren – noch so ein Streitthema. Und auch hier klare Positionen: Dagegen, die “rot-grüne Koalition”. Sollten sie die Mehrheit im baden-württembergischen Landtag erzielen, würden sie sie – zumindest für das Erststudium wieder abschaffen –, so Böhlen. Beibehalten will sie dagegen Schwarz-Gelb. Tobias Wald hält sie für sozialverträglich, schließlich gebe es BAföG und Studienkredite und zudem kämen die Studiengebühren den Unis unmittelbar zugute. Allein in Baden existierten vier Eliteuniversitäten, an die Studenten aus anderen Bundesländern trotz der bestehenden Studiengebühren kommen würden. Auch Michael Bauer meinte, dass etwa 500 Euro Studiengebühren pro Semester bezahlbar seien, notfalls über zinslose Kredite. An die Abschaffungsbefürworter gerichtet, schloss sich die Frage einer Kloster-Schülerin, woher denn dann das Geld für die Uniausstattung kommen solle. Böhlen wie Zeitvogel meinten, dass Geld durchaus vorhanden sei, es fließe nur in die falschen Kanäle.

diskussion3-550

Ein wahlentscheidendes Thema

Wenn es ein wahlentscheidendes Thema gibt, dann dürfte das aufgrund des Atomunfalls im japanischen Fukushima die Atomkraft sein. Kernkraftbefürworter allerdings finden sich deswegen seit einigen Tagen im Land kaum noch, auch nicht auf dem Podium der Klosterschule vom Heiligen Grab. Wald: “Ich war noch nie ein Freund der Atomkraft”; Bauer: “Die Atomkraft hat keine Chance mehr”. Unterschiede findet man lediglich noch bei der Frage, wie schnell die Atommeiler abgeschaltet werden können, ob mehr oder weniger sofort (Böhlen) oder in den nächsten fünf bis sieben Jahren (Bauer). Einigkeit bestand auch darüber, dass dies mindestens gesamteuropäisch, wenn nicht gleich weltweit mit Deutschland als Vorreiter (Zeitvogel) geschehen muss.

Krokusse contra Jugend

Auch wenn die Podiumsdiskussion im Vorfeld der Landtagswahlen angesiedelt war, gab es auch Baden-Baden-spezifische Fragen an die Kandidaten. So interessierte die Schüler beispielsweise deren Haltung zu den kürzlich aufgestellten neuen Schildern in der Allee mit diversen Verbotspiktogrammen. Insbesondere das Verbot, den Rasen zu betreten, gerade im Bereich des Burda-Museums – ein inzwischen beliebter Treffpunkt für Jugendliche –, stößt bei diesen auf wenig Gegenliebe. Eine gänzlich andere Sichtweise auf dem Podium. Dort war man sich unisono einig, dass es im Bereich der Lichtentaler Allee “Tabuzonen” geben müsse, um diese zu schützen. Böhlen und Bauer, beide selbst Mitglieder des Baden-Badener Gemeinderats, verwiesen zudem darauf, dass der Beschluss für die neuen Schilder einstimmig gefällt worden sei, mit Rücksicht auf die Gäste, die in die Kurstadt kommen und die Krokusse auf der Wiese. Was ist dagegen schon das Interesse der kurstädtischen Jugend an einem zentralen, öffentlichen Treffpunkt? Armin Zeitvogel empfahl, sich innerhalb des Jugendforums Gedanken über Ausweichplätze Gedanken zu machen und diese dann dem Oberbürgermeister und dem Gemeinderat vorzuschlagen.

Mit solchen klaren Aussagen, wissen die Jugendlichen wenigstens, woran sie sind und können sich über Politiker und Parteiprogramme eine eigene Meinung bilden. Denn das war es auch, worum es bei einer solchen Veranstaltung gehe, wie Schulleiterin Margarete Ziegler betonte: um eine fundierte Meinungsbildung – egal welche.
-

Ein Stimmungsbild
Zusammengestellt aus Kommentaren von Jakob, David, Olivia und Camilla über die Podiumsdiskussion zur Landtagswahl an der Klosterschule vom heiligen Grab >>

Share and Enjoy:
  • Print this article!
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • LinkArena
  • MisterWong
  • MySpace
  • Twitter
  • Webnews.de
  • Yigg